86 . Tiff, Bümp und Raw bewundern ein prachtvoll geschnitztes Haus
Das rothaarige Mädchen und der lustige Junge liefen geradewegs auf das prachtvoll geschnitzte Holzhaus zu. Tiff, Bümp und Raw bewunderten die Dachverzierungen, die aus vielen kleinen Streben bestanden, um das leicht vorspringende Dach zu stützen. „Seht mal“, bemerkte Raw, „die Dachstreben sind gar keine gewöhnlichen Balken, jede einzelne ist eine Figur, und jede Figur ist anders geschnitzt.“ Bümp und Tiff schauten mit offenem Mund dem Dach entlang und Tiff rief aus: „Dort sitzt sogar ein richtiger Drache!“ Das rothaarige Mädchen und der lustige Junge standen nun vor der Eingangstüre des Hauses. Sie mussten sich tief bücken, um einzutreten, denn die Türe war sehr klein.
Als sie durch die Türe hindurch geschlüpft waren, erkannte Tiff sofort, dass sie sich nicht in einem normalen Haus befanden. Das Haus war nicht überdacht und geschlossen, so wie bei dem rothaarigen Mädchen und dem lustigen Jungen Zuhause. Nein, es war mehr ein rechteckiger, breiter Gang mit einem schmalen Dach. In der Mitte dieses Rechtecks befand sich ein offener Hof. Die Freunde standen nun in diesem Hof, der zum Zentrum hin mit einigen steinernen Treppenstufen in den Boden hinein versenkt war.
Raw schaute sich um und fragte: „Was machen denn all die Leute hier im Hof?“ Bümp, der die vielen Menschen im Innenhof ebenfalls bemerkt hatte, ergänzte: „Und warum starren sie alle zu diesem einen Fenster hoch?“ Doch auch Tiff konnte sich all dies nicht erklären. Inzwischen hatten sich das rothaarige Mädchen und der lustige Junge auf eine der steinernen Treppenstufen gesetzt und starrten, genau wie die anderen Menschen, zu dem einen Fenster hoch. Tiff, Bümp und Raw nutzten die Gelegenheit, und schauten sich in dem Innenhof etwas um. Alle Fenster waren sehr kunstvoll geschnitzt, aber das eine, welches von den Menschen genau betrachtet wurde, war besonders gross und stand etwas von der Wand ab, wie ein kleiner, überdachter Balkon.
„Vielleicht ist das Fenster besonders wichtig für die Menschen, „versuchte Bümp zu erklären.“ – „Ich glaube nicht“, entgegnete Raw, die die Menschen ganz genau beobachtete, „ich glaube, es geht gar nicht um das Fenster an sich. Ich vermute, sie warten auf etwas, was sich in dem Fenster ereignen wird.“ Bümp und Raw schauten sich um. Ja, nun hatten sie auch diesen Eindruck. Die Menschen warteten auf etwas.
Plötzlich ging ein Raunen durch die Menge. „Da“, flüsterte Tiff, „ein Schatten hinter dem Fenster“. Die Menschen wurden unruhig. Da erschien ein älterer Mann am Fenster und redete zu den Menschen. Einige antworteten, einige schauten auf die Uhr. Tiff, Bümp und Raw sahen, wie einige mit enttäuschten Gesichtern den Hof wieder verliessen. Andere warteten noch eine Weile und schlüpften dann ebenfalls wieder durch die Türe hinaus. Nach kurzer Zeit war der Hof leer, nur das rothaarige Mädchen und der lustige Junge sassen noch immer auf den Steinstufen und warteten geduldig. Tiff, Bümp und Raw beschlossen, sich neben sie zu setzen.
Eine ganze Weile sassen die fünf Gestalten nebeneinander aufgereiht auf der Steinstufe und warteten. Worauf, dass wussten Tiff, Bümp und Raw allerdings nicht. Tiff wurde langsam unruhig und sagte zu den anderen beiden: „Warum sitzen wir denn immer noch hier, warum sind wir nicht mit den anderen hinaus gegangen?“ Da sagte eine unbekannte Stimme neben seinem Ohr: „Weil man nicht immer alles glauben soll.“ Überrascht drehten die drei kleinen Freunde den Kopf. Neben ihnen sass eine junge Taube, die sich unbemerkt zu ihnen gesellt hatte. „Was soll man denn nicht glauben?“ fragte Tiff und die Taube antwortete: „Nun, was der Mann eben gesagt hat, nämlich, dass die Göttin heute nicht mehr erscheinen wird.“
„Die Göttin?“ fragte Raw aufgeregt, „welche Göttin?“ Die Taube gurrte vor Vergnügen und antwortete: „So was! Sitzen im Haus der Kumari und haben keine Ahnung! Welche Göttin! Na die Kumari natürlich. Das ist ihr Haus.“ Tiff, Bümp und Raw schauten sich verwundert an. Nein, dass sie im Haus einer Göttin waren, hatten sie nicht gewusst und Raw sagte zu der Taube: „Wir sind fremd hier und wussten nichts von der Göttin. Wir hatten uns schon gewundert, warum die Menschen dauernd an dieses Fenster starren. Kannst Du uns von der Göttin erzählen?“ Die Taube fühlte sich geschmeichelt und erklärte: „Die Göttin, die in diesem Haus wohnt, wird von den Menschen Kumari genannt. Manchmal zeigt sie sich am Fenster und dies bedeutet grosses Glück für all jene, die ihr in die Augen schauen. Deshalb warten die Menschen hier auf ihr Erscheinen. Die Göttin heisst aber eigentlich anders, ihr Name ist Taleju, und das erste Mal kam sie vor sehr langer Zeit in unsere Stadt. Es wird bestimmt noch eine Weile dauern, bis die Göttin sich vielleicht am Fenster zeigt. Wollt ihr inzwischen die Geschichte hören, wie Taleju in unsere Stadt Kathmandu kam?“
„Ja, ja, ja“ riefen die drei Freunde aufgeregt, „erzähle uns die Geschichte der Göttin Taleju!“