158. Tiff, Bümp und Raw machen ein Wettrutschen
Der Pfad, auf dem Tiff, Bümp und Raw liefen war sehr schmal, eine hochaufragende , glatte Felswand rechts und eine steil abfallende links davon. Die drei Freunde konzentrierten sich auf den Weg, jeder falsche Schritt hätte tödlich sein können. Sie hatten kaum Gelegenheit um sich zu schauen, denn so richtig schwindelfrei waren sie nicht. So bemerkten sie kaum, dass sich die Farbe des Felsens langsam veränderte: Er wurde immer heller und schliesslich sogar bläulich. Raw und Tiff begannen die Augen zusammen zu kneifen, denn der Fels reflektierte das Licht so hell, dass es fast schmerzte. Bümp schien dies nichts auszumachen. Schliesslich weitete sich der Weg, die drei Freunde waren auf einer Hochebene angekommen. Sie verschnauften und schauten um sich.
„Wow!“ rief Tiff aus und alle drei staunten. Die Hochebene hatte dieselbe helle Farbe wie der Berg, sie wirkte durchsichtig, als wäre sie aus hellblauem Glas, und schimmerte im Sonnenlicht. „Das ist Eis!“ rief Bümp aus und freute sich. Doch im nächsten Augenblick schüttelte er den Kopf und murmelte: „Nein, das ist kein Eis, es ist nicht kalt.“ Vorsichtig liefen die drei Freunde weiter und der Boden wurde immer glatter. Raw versuchte sich mit den Krallen festzuhalten, aber der Boden war so glatt, dass sie ständig ausrutschte. Tiff fand das ausserordentlich lustig, und Bümp hatte eine Idee und sagte: „Es ist zwar nicht kalt, das seltsame Eis, aber man kann doch darauf rutschen. Kommt, wir suchen uns einen Weg, der leicht abfällt, dann können wir herunter rutschen.“ Die Ebene neigte sich leicht und in der Ferne konnten sie kleine Quader und Kristalle funkeln sehen. Tiff rief aus: „Da ist unser Ziel, kommt, wir machen ein Wettrutschen!“ Und schon hüpfte er davon und sauste los. Raw sträubten sich alle Haare, aber Bümp gab ihr einen kräftigen Stoss und sie schlitterte wild um sich fuchtelnd davon. Bümp sauste hinterher und holte sie schnell ein. „Du musst die Krallen einziehen und nur auf den Pfoten rutschen, alle vier Pfoten weit ausstrecken und mit dem Schwanz steuern. Siehst Du, so wie Tiff“, rief Bümp ihr zu. Raw hatte sich etwas gefangen und nun packte sie der Ehrgeiz. Tiff einzuholen war gar nicht so einfach, also begann sie, mit den Hinterpfoten abzustossen und Schub zu geben. Nach kurzer Zeit waren alle drei fast gleich auf, als Bümp schliesslich rief: „Achtung, da kommt eine stachelige Spitze auf uns zu!“ Sie wichen geschickt aus. „Da kommt schon wieder eine!“ rief Tiff, „es wird langsam gefährlich mit all den seltsamen Eis-Spitzen.“ – „Es ist kein Eis!“ rief Bümp zurück. „Was ist es denn dann?“ rief Raw, die gerade einem grossen, fast durchsichtigen Quader auswich, den sie erst im letzten Moment gesehen hatte. „Keine Ahnung!“ rief Bümp zurück, „aber vielleicht sollten wir langsam abbremsen.“ Das war aber einfacher gesagt, als getan bei der glatten Oberfläche. Die drei Freunde waren nun vor allem damit beschäftigt, den plötzlich auftauchenden Spitzen auszuweichen und vergassen das Wettrennen ganz. Sie waren alle froh, als sie die Senke erreicht hatten und automatisch ausgebremst wurden.
Nach einer kurzen Verschnaufpause schauten sie sich um und Raw betrachtete die seltsamen spitzigen Gebilde, die rund um sie herum in der Sonne funkelten. Fast durchsichtig waren sie, manchmal bläulich, manchmal mit einem leichten rosa Schimmer. Einige waren dreimal so gross wie Raw, einige waren sehr klein. Es gab einzelne und ganze Gruppen, die wie Blumensträuse aus dem Boden wuchsen. „Ach, deshalb hat das so gekratzt im letzten Abschnitt“, bemerkte sie, „weil es auch so ganz kleine Spitzchen hatte, die wir beim rutschen nicht bemerkt haben.“ Raw tippte eine der kleinen Spitzen an und sie brach klirrend ab. Funkelnd lag sie in ihrer Hand und Raw sagte: „Das ist schön, ich nehme es mit als Erinnerung mit.“ Sie steckte sich die kleine Spitze hinters Ohr und die drei Freunde liefen weiter zwischen den vermeintlichen Eisgebilden hindurch in Richtung des leuchtenden Berges, der ursprünglich ihr Ziel gewesen war.
Tiff, Bümp und Raw hatten nicht bemerkt, dass sie die ganze Zeit beobachtet wurden. Hoch über ihren Köpfen schwebten zwei riesenhafte Fledermäuse, die genauso hellblau und durchscheinend waren, wie der Boden. Die eine flüsterte gerade der anderen zu: „Haben sich nicht blenden lassen, die drei. Gutgut. Scheinen nicht zu wissen, was Diamanten sind. Gutgut.“ Und die andere antwortete: „Warten wir ab, bis sie in den goldenen Wald kommen. Durch den haben bisher nur wenige Anderslinge unbeschadet hindurch gefunden.“