160. Tiff, Bümp und Raw besuchen den Ameisenpalast
Tiff, Bümp und Raw folgten der Ameisenstrasse, die immer breiter wurde, je tiefer sie in den Wald vorstiess. Tausende von Ameisen krabbelten hin und her und mittlerweile schimmerte der Weg vor lauter goldenen, kleinen Tierchen. „Ich habe noch nie Ameisen aus Gold gesehen“, sagte Raw Richtung Ameisenstrasse. Sogleich erhielt sie Antwort aus tausend Mündern: „…ganz normal“ – „Goldpanzerameisen“ – „Gibt es denn auch andere?“ – „Vielleicht ist sie blind.“ Aus dem Wirrwarr von Antworten schloss Raw, dass in diesem Wald wohl alle Ameisen aus Gold waren und es erstaunte sie kaum noch, als ein frecher Grashüpfer ihren Weg kreuzte, natürlich aus Gold. „Sieh mal“, rief da Tiff erstaunt, „ein Schmetterling aus Gold! Wie ist das möglich, er müsste doch vor lauter Gewicht gar nicht fliegen können.“ Unten auf dem Boden tippten sich die Ameisen mit den vordersten Beinen an die Stirne und sagten eine sagte: „Die spinnen doch, warum soll der Schmetterling nicht fliegen können. Schmetterlinge fliegen doch immer, das ist ihr Beruf.“ Und eine andere sagte: „Nun wenigstens jagen und sammeln sie die Schmetterlinge nicht, so wie die Anderslinge, die vor ihnen hier her gekommen sind.“ – „Ja“, sagte eine dritte, „und immerhin haben sie uns bemerkt auf dem Waldboden, das wäre dann auch das erste mal, dass ein Andersling und überhaupt beachtet.“
Bümp fragte die Ameisen: „Sagt mal, wer sind denn diese Anderslinge, von denen ihr immerzu redet?“ Erstaunt hielten die Ameisen an und starrten die drei Freunde mit grossen Augen an. „Seid ihr deppert?“ – „Ihr seid natürlich die Anderslinge!“ – „Stau, Stau! Nicht anhalten weiterlaufen!“ – „Dumme Anderslinge.“ – „Warum geht es denn nicht weiter?!“ Tiff, Bümp und Raw versuchten mit der Gruppe Ameisen Schritt zu halten, mit denen sie soeben ins Gespräch gekommen waren und Raw fragte: „Aber warum nennt ihr uns Anderslinge? Anders als was oder wer?“ Diese Frage beschäftigte die Ameisen eine Weile, denn sie waren sich über die Antwort nicht einig. Heftige Diskussionen lösten einen erneuten Stau aus, und die Gegenspur suchte sich kurzfristig einen anderen Weg, um nicht in die Diskussionen hineingezogen zu werden. „Anders als alles hier“, einigten sich die Ameisen. Nun gut, die drei Freunde hatten bereits gemerkt, dass hier nicht alles normal war. Raw meinte: „Vielleicht liegt es daran, dass wir durch diese Felsspalte hindurch geschlüpft sind. Wir sind ja nun im verborgenen Tal.“ Die Ameisen fanden die Erklärung unsinnig. Erstens kannten sie die Felsspalte nicht und zweitens war dies hier eindeutig ein Wald und kein Tal. „Dann sind wir also gar nicht im verborgenen Tal?“ fragte Raw. Aber die Ameisen antworteten: „Nun gut, man könnte sagen, dass der Wald in einem Tal liegt, vielleicht, unter Umständen, wenn man genug weit krabbelt. Verborgen ist der Wald schon, wenn man bedenkt, wie wenige von Euch Anderslingen sich hier blicken lassen.“ – „Ach, und wie viele waren es denn in letzter Zeit so?“ fragte Raw. Diese Frage konnten die Ameisen nicht beantworten. Sie selbst hatten noch nie einen Andesling gesehen in ihrem Leben, und die ältesten unter Ihnen waren immerhin an die 250 Jahre alt: „Wir fragen die Königin, wenn wir zu Hause sind. Sie ist die älteste von allen und kann die Frage sicher beantworten.“
Also liefen Tiff, Bümp und Raw mit den Ameisen mit. Schon von weitem sahen sie das goldene Haus der Ameisen durch den Wald schimmern. Zuerst nur als glänzender, grosser Ameisenhaufen. Aber je näher sie kamen, desto deutlich war zu erkennen, dass der Haufen aus abertausenden kleinen Türmen, Zinnen und Balkonen bestand: Der Palast der Ameisenkönigin. Ihm vorgelagert konnte man nun schon alle paar Meter kleine Wachhäuser und Versorgungshöfe ausmachen. Genauso kunstvoll verziert, nur kleiner. Überall wimmelte es von Ameisen und die Ankunft der drei Anderslinge hatte sich bereits weit herumgesprochen. Die goldenen Ameisen waren äusserst aufgeregt. Noch nie hatten Anderslinge den Palast der Königin besucht und man munkelte, dass die Königin höchst persönlich aus dem Palast herauskommen würde, um die Gäste zu begrüssen.
Tiff, Bümp und Raw wurde ein Ehrenplatz direkt vor dem Palasteingang zugewiesen. Während sie auf die Königin warteten, hatten sie Zeit, das wunderbare Gebäude zu bestaunen: Es bestand aus siebzehneinhalb Stockwerken, das achtzehnte Stockwerk war nämlich gerade im Bau. Auf jedem Stockwerk hatten die Türmchen eine andere Architektur, die Balkone anders geschwungene Geländer und die Treppen unterschiedliche Richtungen. Sobald eine erste Gruppen von Ameisen ein neues Türmchen zu ende gebaut hatte und zum nächsten überging, begann die zweite Gruppe mit den Ritzverzierungen. War sie damit fertig, machte sie sich ans Werk beim übernächsten Türmchen, das in der Zwischenzeit ebenfalls fertig gebaut wurde und an die Stelle der Ritzverzierer kam eine dritte Gruppe zum polieren. Und so ging es immer weiter. Plötzlich kam Unruhe auf und überall hörte man entzücktes Murmeln: „Die Königin, die Königin kommt.“